Ole Sebald German Basketball Future

Ole Sebald – Die Abrechnung eines Ex-Profis

„Ich habe immer mit Verletzungen gespielt – egal, wie gravierend es war, dem Verein zuliebe.“

 

Mit seinen 23 Jahren hat Ole Sebald das komplette Programm durchlaufen: einmal BBL und zurück. Als hochgelobtes Talent wechselte er von Schwabing zu den Crailsheim Merlins in die BBL. Wirklich Fuß fassen konnte er dort aber nie. Nach seiner Rückkehr in den Münchner Norden folgte der Bruch – nichts war mehr, wie es einmal war. Nun ist er Spielertrainer bei seinem Heimatverein, dem SV Mammendorf. Im Interview mit German Basketball Future rechnet Ole Sebald mit dem Profigeschäft und den Umgangsformen in den Vereinen ab. Nach zahlreichen Verletzungen bleibt für ihn nur ein Fazit: „Ich hätte früher auf meinen Körper hören sollen.“

German Basketball Future: Ole, du hast dem Leistungssport den Rücken gekehrt und spielst wieder in deiner Heimat. Was hat sich seitdem für dich verändert?

 

Ole Sebald: Mammendorf hat mir immer die Tür offen gelassen. Dort bin ich als Spielertrainer eingestiegen. Es war auf einmal alles anders, alle haben mir zugehört, ich war eine Persönlichkeit und konnte etwas weitergeben. Das Beste war, dass sie dich so respektieren, wie du bist. Der Verein ist wie eine Familie, und ich fühle mich in Familien immer sehr wohl. Leider war dies in Schwabing nach meiner Rückkehr nicht mehr so. Es war keine Familie mehr.

German Basketball Future: Ist deine Rückkehr nach Schwabing an der Erwartungshaltung gescheitert? War der Druck, ehemaliger Bundesligaspieler zu sein und deswegen keine Fehler mehr machen zu dürfen, zu groß?

 

Ole Sebald: Robby (Robert Scheinberg, Anm. d. Red.) wollte unbedingt einen Spieler haben, der Impact bringt in den letzten Minuten, wo es wichtig ist. Ich habe hier so weitergespielt, wie ich damals aufgehört hatte, aber ohne besondere „Clutchness“ hinzugewonnen zu haben. Wurftechnisch war ich noch nie wirklich „clutch“. Ich weiß nicht, was sich der Coach vorgestellt hatte – ich habe immer mit Verletzungen gespielt, egal welcher Art oder wie gravierend es war, dem Verein zuliebe. Aber irgendwann dachte ich mir, dass ich keine Lust habe, mit Mitte 20 als Halbinvalide arbeiten zu gehen. Ich habe mich gefragt, warum ich mich so opfere und nicht respektvoll genug behandelt werde. Andere konnten sich mehr rausnehmen, wenn sie verletzt waren. Bei mir musste immer alles schneller gehen. Erwartungen und Anspruch haben einfach nicht mehr gepasst.

German Basketball Future: Aber erst einmal von vorne: Du bist zunächst, um NBBL zu spielen, von Fürstenfeldbruck nach Schwabing gewechselt. Für dich stand der nächste Schritt an. Wie groß war damals die Rolle des Basketballs für dich? War dein klarer Plan die NBBL?

 

Ole Sebald: Nein, ich hatte kurzzeitig überlegt in Fürstenfeldbruck zu bleiben und eine Lehre zum Schreiner zu beginnen. Für die Berufsschule war ich bereits angemeldet. Chris Hustert (ehemaliger Mitspieler, Anm. d. Red.) hat mich dann nach Schwabing gelockt. Er meinte damals, dass er zu einem besseren Trainer wechseln wird. So habe ich zum ersten Mal Robert Scheinberg kennen gelernt. Robby hat mich dann davon überzeugt, Basketball ernsthafter zu verfolgen, und ich bin in München auf die FOS gegangen.

German Basketball Future: Das wäre ein große Herausforderung gewesen, alles unter einen Hut zu bekommen. Wie hast du das gehandhabt?

 

Ole Sebald: Ich bin zur neuen Saison nach München gezogen, jedoch war ich oft daheim. Das tägliche Leben habe ich gut auf die Kette bekommen, und es hat sich gut angefühlt. Es waren schon gewisse Freiheiten, die andere nicht hatten. Da hat man das Leben schon genossen, so ist’s nicht! Ich glaube, dass ich das richtig gemacht habe. So wusste ich schon früh, worauf es ankommt. Jedoch bin ich ein Familienmensch. Ich habe unter der Woche geübt alleine zu wohnen, und am Wochenende konnte ich dann daheim mit meiner Familie sein. So war ich zwar weg, aber es gab keinen harten Cut.

German Basketball Future: Du bist damals in die erste Schwabinger Spieler-WG gezogen, welche sich direkt über der Vereinshalle befindet. Hast du das ausgenutzt oder war es eher ein subtiler Zwang, etwas machen zu müssen?

 

Ole Sebald: Das war schon einfach. Man ist in weniger als einer Minute in der Halle. Ich habe das aber nicht jeden Tag genutzt, dafür bin ich nicht der Richtige. Ich meine damit, ich bin kein Morgenmensch. Außerdem gab es auch Probleme mit den Anwohnern, wenn wir zu früh in der Halle waren. Donnerstags war immer Einzeltraining. Bis ich mir gedacht habe: Warum tust du dir das an? Außerdem kamen damit auch Pflichten: Manchmal hatte ich das Gefühl, das Dienstmädchen zu sein, nur weil ich über der Halle wohne.

German Basketball Future: In eurer NBBL-Premierensaison habt ihr die Hauptrunde auf Platz 4 abgeschlossen und euch für die Playoffs qualifiziert. Unter anderem habt ihr auch den Stadtrivalen, den FC Bayern München, hinter euch gelassen. Wie hast du das alles wahrgenommen?

 

Ole Sebald: Gegen Bayern zu gewinnen war immer ein gutes Gefühl! Besonders die Duelle mit Jakob Sperber, die gab’s schon in der JBBL mit Germering, da haben wir uns gehasst. Persönlich liebe ich ihn, aber auf dem Spielfeld sind wir für 40 Minuten Erzfeinde gewesen. Dass wir dann im Achtelfinale Leverkusen schlagen hat keiner erwartet. Das Viertelfinale war dann ein Bonus für uns, damit konnten wir am Anfang der Saison nicht rechnen.

German Basketball Future: Nach der erfolgreichen Saison 2012/2013 galt es für dich, eine Entscheidung zu treffen: Wie geht es weiter? Erzähle uns doch von deinen Gedankengängen.

 

Ole Sebald: Als erstes habe ich mich gefragt: Was kommt nach dem Abi? Ich habe mich schon mit dem Gedanken beschäftigt. Nicht direkt mit der BBL, jedoch war der Anreiz ans College zu gehen schon groß, es wäre sicherlich geil gewesen. Ich konnte mich gut einschätzen, NBA wäre wohl nicht drin gewesen.

German Basketball Future: Im Sommer warst du extra in Amerika unterwegs und hast an Turnieren in Las Vegas, Los Angeles und San Diego teilgenommen. Warum hat es dennoch nicht mit dem Traum vom College geklappt?

 

Ole Sebald: Um ehrlich zu sein: Ich habe mein Abitur verkackt. Das war ärgerlich, denn ich hatte circa sieben Angebote, vier Division I und ein paar Division II, ich war kurz davor rüber zu gehen. Aber wie das eben so ist in dem Alter kam auch das Liebesleben hinzu. Das hat mich etwas vom Weg abkommen lassen, und so habe ich die wesentlichen Dinge für das College nicht erfüllen können.

German Basketball Future: So hast du eine weitere Saison in Schwabing verbracht. Im Jahr drauf bist du erneut in die USA, um dich zu zeigen. War das Ziel „College“ immer noch allgegenwärtig?

 

Ole Sebald: Nein, im zweiten Anlauf hatte ich dann keinen Bock mehr, die ganzen Tests zu schreiben: TOEFL, SAT und wie sie nicht alle heißen. Hinzu kam, dass ich beim zweiten Mal dann nicht performt habe. Besonders bitter war, dass ein Coach aus Montana extra dabei war, um mich anzuschauen. Danach hat Robby mir die Wahl gegeben: College oder BBL? In die BBL und die Pro A war der Weg einfacher. Es gab scheinbar mehrere Angebote, aber welche Vereine das genau waren, abgesehen von Crailsheim, wusste ich nicht. Durch die Kooperation der beiden Vereine war der Weg ein leichter und wir (Philipp Heilrath und Alassané Dioubate, Anm. d. Red.) hatten sicherlich auch eine Vorreiterrolle für die gemeinsame Zusammenarbeit.

Das Interview mit Alassané Dioubate findet ihr hier

German Basketball Future: Bei den Merlins angekommen hat das Profileben auf euch gewartet, mit allem was dazu gehört. Wie habt ihr den Alltag gestemmt? Wie war das neue Trainingsumfeld?

 

Ole Sebald: Die Vorbereitung zur Vorbereitung lief gut, mit den Amis wurde es dann schwieriger. Es gab kleine Grüppchen, jedoch war es auch nicht ganz einfach, da die Amis ständig ausgetauscht wurden. Es hat eine Weile gedauert, bis wir alle am selben Strang gezogen haben. Mit den deutschen Spielern war es einfacher, leider gab es auch hier das ein oder andere Problemkind. Und wir Jugendspieler wurden nicht immer mit Respekt behandelt. Wir waren die typischen „Benchfiller“, Deutschenquote und so. Du stehst als Jugendspieler hinten an.

German Basketball Future: Nach nur einer Saison bist du wieder zurückgekehrt. Dein Vertrag lief jedoch über zwei Jahre. Wie kam es zu der Entscheidung die Bundesliga zu verlassen?

 

Ole Sebald: Um ehrlich zu sein, bin ich mit dem Alltag nicht klar gekommen. Jeden Tag zu trainieren, wenn du keinen Bock hast und nicht fit bist. Die Vorbereitung war richtig anstrengend, mit zwei Trainingseinheiten und einer Athletikeinheit pro Tag, die dich schon bis ans Limit gebracht haben. Ich wurde zwar besser, aber die Saison war klar definiert und ich hatte klare Vorgaben, was ich zu tun habe, und keine Freiheiten. Leider habe ich dadurch mein „Ich“ verloren – das, was mir am Sport Spaß macht. Ich habe gehofft, ihn bei meinem alten Verein wiederzufinden. Dorthin zurück, wo ich mich wohl fühlte, denn ich spiele Basketball für mich. Ich habe mich dann mit den Offiziellen von Craislheim zusammengesetzt. Das lief leider nicht ganz so reibungslos ab, wie ich mir das gewünscht hatte. Die Bedingung war, dass ich nur für Schwabing spielen darf.

German Basketball Future: Du hast zu Beginn der Saison gut gespielt, doch dann sind Verletzungen aufgetreten. Du hast den Verein verlassen.

 

Ole Sebald: Genau, leider hatte ich eine Verletzung am Mittelfuß. Die Ärzte haben alle etwas anderes gesagt und keiner wusste so genau, was es wirklich ist. Außerdem habe ich in Schwabing unglücklicherweise meinen Spaß auch nicht wiedergefunden. Während der Saison hatte ich mich damals mit meinem Coach zusammengesetzt und ihm erklärt, dass ich aufhören möchte. Ich habe für den Rest der Saison auch nicht mehr am Spielbetrieb teilgenommen.

German Basketball Future: Inzwischen hast du deine akademische Laufbahn wieder aufgenommen. Erzähl uns von deinem Studium.

 

Ole Sebald: Ich studiere Fitnessökonomie im dritten Semester und werde nebenher noch als Personal Trainer ausgebildet. Ich dachte, ich suche mir einen Beruf, in welchem ich Sport betreiben kann, denn ich bin sportsüchtig, Punkt. Ich habe Entzugserscheinungen, wenn ich keinen Sport treiben darf. Bei BodyStreet habe ich eine Stelle bekommen, und das gefällt mir. Nebenher kann ich noch zwölf Lizenzen abgreifen und beispielsweise Athletiktrainer werden.

German Basketball Future: Beschreibe bitte Ole Sebald abseits des Basketballfelds.

 

Ole Sebald: Familienmensch und übertrieben hilfsbereit. Ich denke mehr an andere, als an mich selbst.

German Basketball Future: Was wolltest du schon immer mal loswerden?

 

Ole Sebald: Ich hätte früher auf meinen Körper hören müssen. Jeder, der Profisportler werden will, sollte immer erst auf den Körper hören und danach die Entscheidungen treffen. Alles, was einen nicht tötet, macht einen stärker. Verletzungen sind immer so eine Sache, du stirbst halb, willst wieder aufstehen. Wenn du konzentriert trainierst und auf deinen Körper hörst, dann bist du verletzungsfrei, und dann schaffst du es auch richtig. Das ist meine oberste Moral, das habe ich gelernt, leider auf die harte Weise.

German Basketball Future: Vielen Dank, Ole!

 

Foto: Steffen Förster