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Sarah Stock, Guard bei den TG Neuss Tigers

„Es gibt Situationen, in denen einem einfach alles zu viel wird“

 

Erfolgreicher die WNBL-Phase beenden als Sarah Stock geht wahrscheinlich nicht. Mit der Meisterschaft und dem dazu gehörigen MVP-Titel verabschiedete sie sich in Richtung zweite Liga. Nach Ihrem Abitur wagte sie den Sprung ans College. Nach zwei Jahren an der Fairfield University schloss sie sich im Sommer, nach absolvierter U20-EM, ihrem alten Team, den TG Neuss Tigers, an.

 

German Basketball Future: Sarah, 2013 hast du mit deinem Team TSV Hagen das Top 4 der WNBL gewonnen und wurdest zum MVP des Turniers gewählt. Wie fühlt es sich an, wenn man in Deutschland eine der besten Spielerinnen des Landes ist, dann nach Amerika zu gehen und nur noch eine von vielen zu sein?

Sarah Stock: Das ist natürlich schon eine Umstellung. Aber genau deshalb wollte ich ja nach Amerika, um mich einer neuen Herausforderung zu stellen. Ich wusste allerdings schon ein wenig, was auf mich zukommt, da ich ja damals schon in der zweiten Liga spielen durfte und da auch nur „eine von vielen“ war.

 

German Basketball Future: 2014 bist du dann aufs College gewechselt. Was waren die Gründe für deine Entscheidung und warum Fairfield?

Sarah Stock: Mein Bruder hat in der 12. Klasse ein Auslandsjahr in Kanada gemacht (damals war ich in der 11. Klasse) und davon nur positiv berichtet. Seitdem war mir klar, dass ich so etwas auch mal machen will. Da es durch G8 in der Schulzeit echt eng geworden wäre und ich das Jahr nicht wiederholen wollte, kam dies nur nach dem Abi in Frage. Ich habe mich bei der Collegeauswahl besonders auf zwei Faktoren konzentriert: dass es basketballerisch weder zu gut noch zu schlecht ist und  auf ein hohes akademisches Level. Fairfield war da ein sehr guter Mix. Bei meinem „Official Visit“ im Oktober 2013 waren auch alle direkt super nett und freundlich. Dass das College am Strand und nur eine Stunde von New York City entfernt lag, war natürlich ein netter Zusatz.

 

German Basketball Future: Wie war es dann wirklich auf dem College? Was hast du studiert und wie sah dein Alltag aus?

Sarah Stock: Ich habe International Business studiert. Morgens hatte ich immer Uni und dann haben wir meistens um 14.30 Uhr mit dem Training angefangen. Das konnte dann je nach Laune unseres Trainers schonmal bis 17 oder 18 Uhr gehen. Danach stand jeden zweiten Tag noch Krafttraining an. Abends war dann Zeit für Hausaufgaben, oder was mit Freunden zu machen.

 

German Basketball Future: Warum hast du schlussendlich deine Collegekarriere beendet? Kam für dich kein Collegewechsel in Frage? 

Sarah Stock: In meinem zweiten Jahr hat sich leider herausgestellt, dass mein Trainer mir (anders als nach dem ersten Jahr kommuniziert) kaum Spielzeit geben wird und ich eher als Trainingsspielerin angesehen wurde. Ein Collegewechsel kam insofern nicht in Frage, da man bei einem Wechsel von Division 1 zu Division 1 immer ein Jahr aussetzen muss. Darauf hatte ich keine Lust. In Division 2 sind die Schulen akademisch leider nicht sehr gut.

 

German Basketball Future: Viele schwärmen vom College-System in America, jedoch waren viele nie selbst an einem College. Inwiefern wurden deine Erwartungen nicht erfüllt?

Sarah Stock: Ich hatte keine großen Erwartungen, bevor ich nach Amerika gegangen bin, sondern war einfach offen für alles Neue, was kommt. Am Anfang war es schon ungewohnt, Tag und Nacht von tausenden Leuten in seinem Alter umgeben zu sein. Platz um sich zurückzuziehen gab es da nicht wirklich, zumal man auch auf engstem Raum mit seinem Roommate gelebt hat. Das System an sich ist aber echt cool. Ich meine, du wohnst mit deinen besten Freunden zusammen und hast alles was du brauchst (Schule, Sport und Essen) an einem Ort.

 

German Basketball Future: Nachdem du deine Collegezeit in Fairfield abgebrochen hast, hast du dich für deinen ehemaligen Verein entschieden, die TG Neuss Tigers. Was sprach wieder für den Verein und unter welchen Aspekten bist du die Entscheidung angegangen? 

Sarah Stock: Ich wusste, dass ich hier in Deutschland weiter BWL studieren möchte. Deshalb habe ich mich zunächst nach passenden Unis erkundigt. Da kamen dann München, Köln und Berlin in Frage. Die Entscheidung entfiel dann auf Grund einiger Faktoren relativ schnell für Köln. Meine alte Trainerin hat mich sofort angeschrieben, als sie von meiner Rückkehr erfahren hat, und mich gefragt, ob ich wieder für sie spielen will. Da wir immer gut klar kamen und ich vor allem das Team in Neuss super mochte, sprach alles dafür, zurückzugehen.

 

German Basketball Future: Denkst du manchmal darüber nach, wie du dich in Deutschland entwickelt hättest? Bereust du den Schritt, ans College gegangen zu sein?

Sarah Stock: Niemals. Ich bereue meinen Schritt ans College keine Sekunde. Ich habe dort sowohl basketballerisch als auch menschlich so unglaublich viel gelernt. Auch, wenn ich nicht viel gespielt habe, hat meine Zeit dort mich auf jeden Fall weiter gebracht. Man hat da einfach ganz andere Möglichkeiten, sich auch außerhalb des Teamtrainings weiterzuentwickeln. Wir hatten vier Coaches und zwei Athletiktrainer, die immer bereit waren, Extra-Workouts mit mir zu machen.

 

German Basketball Future: Zurück in Deutschland wirst du dir sicher auch Gedanken machen, wie es weitergehen soll nach deiner Basketballkarriere. Du studierst nun in Köln BWL, inwiefern konntest du dir deine bereits absolvierten Semester aus Amerika anrechnen lassen und was ist dein Plan für deine Zukunft?

Sarah Stock: Nach zahlreichen Anrechnungsanträgen und Gesprächen mit Professoren habe ich letztendlich tatsächlich einen Großteil meiner Kurse angerechnet bekommen. Man braucht hier 180 Credit Points für seinen Bachelor, und davon habe ich bereits 72 aus meinen beiden Jahren aus Amerika. Nach dem Bachelor würde ich sehr gerne ein Praktikum in Amerika oder Spanien machen. Anschließend dann den Master: Wo, weiß ich noch nicht.

 

German Basketball Future: Wie ambitioniert verfolgst du noch deine Basketballkarriere? Was sind die Ziele mit deinem „alten neuen“ Verein?

Sarah Stock: Ich würde schon sagen, dass ich noch ambitioniert Basketball spiele. Allerdings weiß ich, dass ich damit später (leider) nicht mehr viel anfangen kann. Deshalb steht mein Studium definitiv im Vordergrund. Unser Teamziel ist das Erreichen der Playoffs, wo wir auf einem guten Weg sind.

 

German Basketball Future: Als junge Athletin war es für dich sicherlich schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Was hast du alles deiner Basketballkarriere untergeordnet?

Sarah Stock: Geburtstage, Festivals, Abiball, Freunde, Familie… die Liste ist lang. Gerade als ich noch jünger war, lag der Fokus schon sehr auf Basketball. Als ich in Hagen gespielt habe, musste ich jeden Tag zwei Stunden zum Training hin- und zwei Stunden zurückfahren. Da hatte ich echt kaum noch Zeit, um mich mal mit Freunden zu treffen oder was anderes zu tun. Mittlerweile hat sich das etwas eingestellt und ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit Freunden oder der Familie zu verbringen.

 

German Basketball Future: Würdest du deinem früheren Ich raten, genau wieder alles gleich zu machen und wenn du etwas ändern könntest was wäre es? Hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt, Basketball sein zu lassen und alles abzubrechen?

Sarah Stock: Ich glaube mit dem Gedanken hat jeder von uns schonmal gespielt. Es gibt Situationen, in denen einem einfach alles zu viel wird und man am liebsten sofort aufhören würde. Allerdings findet man dann doch relativ schnell wieder die Liebe zum Spiel und ich glaube, ganz ohne Basketball würde ich dann auch nicht leben wollen.

 

German Basketball Future: Beschreibe bitte Sarah Stock abseits des Basketballfelds.

Sarah Stock: Ich würde mich als eher extrovertierten Typ beschreiben, der schnell mit Leuten in Kontakt kommt. Ich probiere gerne neue Dinge aus und scheue vor keinem Abenteuer zurück.

 

German Basketball Future: Vielen Dank Sarah!

Foto: Jens Hecker